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Literarisches

Literarisches Unter dieser Rubrik können Sie weiteren im Zusammenhang mit der damaligen und heutigen Seefahrt interessanten Themenbereichen nachspüren.

Klicken Sie einfach auf einen der gewünschten Thementitel. Nicht immer war eine Seefahrt lustig ...

Seemannsfreud' - Seemannsleid

An einem kalten Januartag des Jahres 1924 trat das Schiff im Ballast die Ausreise nach Südaustralien an. Dort wartete eine Weizenladung. Am Morgen des 8. Mai fiel nach einer Überfahrt von 105 Tagen der Anker vor Port Lincoln am Spencer-Golf. Am 23. Juni trat das Schiff mit 3300 Tonnen Weizen, von Berufsstauern beladen, die Rückreise nach Europa an. Der Kurs führte diesmal um Kap Hoorn ... Auf der Fahrt zur Hoorn wurde das jetzt tiefbeladene Schiff aufs Härteste beansprucht. Die ständigen Weststürme erzeugten unvorstellbare lange, hohe und wilde Seen. Ein Tief jagte das andere. Die Wachen bekamen keinen Augenblick Ruhe und lagen stundenlang bis zur Erschöpfung auf den Rahen. Es erforderte den ganzen Mann und all seine Kraft, die von der Feuchtigkeit und Kälte steif und schwer gewordenen Segel festzumachen. Die Nächte waren von einer Schwärze, die man mit den Händen zu greifen meinte. Dazwischen das gespenstische Leuchten der an Deck donnernden Seen. In den Morgenstunden des zehnten Tages schien der schwere Sturm abzuflauen. Er schöpfte jedoch nur Atem, um nach einem grünlich fahlem Sonnenaufgang desto heftiger einzusetzen. Was da hinter dem Schiff herkam, waren buchstäblich rollende Hügel - keine Wellen! Man sah sie anlaufen, jeden einzelnen, höher und höher wachsen, bis sie kurz vor dem Heck sekundenlang wie eine schräge Mauer dastanden, zu der man emporschauen mußte, wobei einem das Herz bis zum Hals klopfte. Dann lüftete sich, wie von unsichtbarer Hand angehoben, das Heck. Unter ihm schob sich die ganze Wassermasse hindurch, lief an beiden Seiten des Schiffes entlang, das sich nach hinten neigte und schwer mit dem Ruder auf die See prallte. Zuweilen schlug das Wasser über ihm zusammen und füllte das Großdeck wie eine Schüssel bis zum Rande. Damit man das Deck überhaupt begehen konnte, waren von vorn bis achtern Strecktaue zum Festhalten gespannt. In der Luft hingen Schleier von Wasserstaub, kein Horizont war mehr zu erkennen, es war nur noch ein wechselndes Auf und Nieder. Von oben trommelten Hagelböen. In den Ohren gellte das Geheule des Sturmes und das Getöse des Meeres. Kapitän und Steuermann schauten, gegen das Kartenhaus gestemmt, aus besorgten Augen in Richtung Himmel und See. Der alte Schiffskörper ächzte und stöhnte, aber er hielt durch. Bis die See ihm auf den Buckel stieg und das überkommende Wasser nicht mehr abfloß, weil sich die für den Ablauf vorgesehenen Klappen in der Verschanzung verklemmt hatten. Höher und höher stieg das Wasser, das Deck in ein großes Bassin verwandelnd, aus dem nur noch die Aufbauten wie Inseln herausragten. Diese Überlast drückte das Schiff noch tiefer hinunter. Die Trillerpfeife des Steuermanns rief, den Schaden zu beheben. Mit allerlei Brechwerkzeug bewaffnet wateten wir durch brusthohes Wasser bis zur Stelle des Schadens, um dort durch Hämmern und Stoßen diesen zu beheben. Das kalte Wasser erschwerte das Atmen, Salz geriet in Mund und Augen, die nassen Kleidungsstücke erschwerten jede Bewegung. Nur wenn man uns brüllend warnte, ließen wir alles stehen und liegen und sprangen zum Strecktau, um es mit beiden Armen zu umklammern. Der Guß, der einem über dem Kopf zusammenschlug, hatte eine unwiderstehliche Kraft. Die Arbeit zog sich in die Länge. Der Bootsmann rannte nach vorne, weiteres Werkzeug zu beschaffen. Er befand sich gerade wieder auf halbem Wege zurück, zwischen Vor- und Großmast, als sich das Schiff hart überlegte und quer zur See zu kommen drohte. Dabei sank es tief nach unten, als verlöre es den Boden unter den Füßen und fiel in ein Loch. Eine rasende Bö hatte eingesetzt. Dann war die Hölle los. Zwei entsetzte Stimmen schrien noch: "Wahrschau - kiek ut!". Wie ein großer, grüner, gläserner Wall erhob sich das Meer, fegte der Länge nach über Deck und Aufbauten, alles unter sich begrabend und fortreißend. Es lüftete den Bootsmann an, der beide Hände voll hatte und schwemmte ihm über die hohe Verschanzung hinweg außenbords, wo er sofort abtrieb. Außenkante hatte sich zwischen Brassen ein Leichtmatrose verfangen. Sein gelbes Ölzeug leuchtete, er hielt ein Stück Holz an sich gepreßt und schrie mit unnatürlicher Stimme gellend um Hilfe. Obwohl wir nur wenige Meter von ihm entfernt waren, konnten wir ihm nicht einmal den kleinen Finger reichen und hatten Mühe, uns selbst festzuhalten. Wieder kam es herangewälzt, diesmal noch höher als zuvor. Das Schreien des Leichtmatrosen brach unvermittelt ab. Das Schiff schüttelte sich, tauchte ganz langsam wie ein verletzter Wal wieder auf, und als sich die fürchterlichen Seen verlaufen und die Bö ihr letztes Fauchen ausgestoßen hatte, war der Platz des Leichtmatrosen leer... Auf den Ruf "Zwei Mann über Bord!" ergriff der Kapitän Rettungsringe und schleuderte sie hinter den Verunglückten her. Aber seine Handlung war nur noch eine leere Geste. Wen dieser aufgebrachte Ozean schluckte, der war in Gottes Hand und stand jenseits aller menschlichen Bemühungen. Ein Boot auszusetzen war völlig unmöglich. Es geschah am zehnten Tag der Heimreise. Das Schiffstagebuch des Windjammers meldete von jenem Tag kurz: "Nachmittagswache, orkanartiger Sturm, gewaltig hohe See, furchtbare Brecher über Deck und Aufbauten. Steuerbord-Rettungsboot über die Seite geschlagen, zwei Mann über Bord." An einem Sonntagabend im Oktober erschien voraus die Küste. Der Anker fiel in der Bucht eines englischen Hafens. Die Rückreise hatte auch 105 Tage gedauert.